Schaffhauser Nachrichten, Samstag 13. April 2002, Region

Nichten und Neffen wahren das Erbe

Sein Nachlass soll in eine Gemeinnützige Stiftung überführt werden, wünschte sich Josef Gnädinger.
Jetzt ist es so weit.

von Martin Schweizer

Das Testament ist kurz und bündig: Zwei Monate vor seinem Tod im Juni 2000 verfügte Josef (Seppel) Gnädinger, dass der allfällige Reinerlös von Werken aus seinem Nachlass fortan der Diözese de Dapaong in Togo zukomme.

Dort war der in Ramsen geborene und aufgewachsene Maler expressiver Bilder während 17 Jahren als Landwirt tätig; für seinen selbstlosen Einsatz in Afrika wurde ihm vom Grossen Rat 1981 der Preis für Entwicklungszusammenarbeit überreicht. Testamentarisch legte Seppel Gnädinger ferner fest, dasss seine etwas ausserhalb des Dorfes gelegene Liegenschaft «zum Kranz» mit Bauernhaus, Galerie und Atelier sowie alle Aktiven in eine noch zu gründende und von allen Nichten und Neffen getragene Familienstiftung überführt werden solle.

Aus vier Familien

Als «Vollstrecker» des Nachlasses bestimmte der Maler seinen Neffen Angelo Gnädinger, als Präsidenten der Stiftung Beat Gnädinger. Und so ist es denn auch gekommen. Markus Weckerle, Vizepräsident der neuen Stiftung, kann bestätigen: Alle zwanzig aus vier Familien stammenden Nichten und Neffen sind zu gleichen Rechten und Pflichten jetzt im Stiftungsrat vertreten, und alle haben der von Jurist Angelo Gnädinger ausgearbeiteten Stiftungsurkunde zugestimmt. Die Stiftung wurde mittlerweile ins Handelsregister eingetragen und ist somit rechtskräftig.

Der Zweck der Stiftung

Der Stiftungszweck, so, wie er nun definitiv verankert ist: Die Stiftung Josef Gnädinger unterstützt einerseits die «soziale Entwicklungsarbeit» in Afrika, vor allem in der Diözese Dapaong, Togo. Für die entsprechenden Kontakte ernennt der Stiftungsrat eine geeignete Fachkraft. Zum Stiftungszweck gehört andererseits aber auch die «Pflege des künstlerischen und ideellen Schaffens im Sinne des Stifters in der Gemeinde Ramsen, der Region Schaffhausen und darüber hinaus».

Regelmässige Ausstellungen

Damit der Stiftungszweck umgesetzt werden kann, haben die wunderbarerweise fast durchwegs musisch veranlagten Nichten und Neffen bereits ihre  Absichten festgelegt. So sollen gemäss Stiftungsrat in der Galerie «zum Kranz» regelmässig Ausstellungen mit Werken von Josef Gnädinger und anderen  Künstlern organisiert werden, Ende April werden im «Kranz» farbige Holzschnitte aus der 50-jährigen Schaffensperiode Gnädingers ausgestellt. In einer Woche wird zudem im Museum «Lindwurm» in Stein am Rhein eine Ausstellung mit Aquarellen eröffnet.

Artist in Residence

Dazu plant der Stiftungsrat, während einiger Monate im Jahr jeweils einzelne Kunstschaffende nach Ramsen einzuladen, die während dieser Zeit dann in Seppel Gnädingers ehemaliger Wohnung und in seinem Atelier an der Buttelenstrasse wohnen und arbeiten können. Schliesslich will die Gemeinnützige Stiftung gemäss Statuten in Zukunft auch mit Stiftungen und Organsationen ähnlicher Zielsetzung zusammenarbeiten.  Josef Gnädinger selbst hinterliess viele Werke. Er war ein ausserordentlich produktiver Maler, auch während seiner Zeit in Afrika. Der vor zwei Jahren für viele Aussenstehende überraschend im 81. Lebensjahr verstorbene Künstler malte und zeichnete aber schon in der Jugend. Und 1942, noch während des Aktivdienstes und mit 23 Jahren, nahm er bereits an der ersten Weihnachtsausstellung in Schaffhausen teil. Sein Talent wurde auch früh entdeckt und von aufmerksamen Kunstkennern in der Stadt ideell und finanziell massgeblich gefördert, so von Paul Pflügl, Max Freivogel und Paul Bigliardi. Sie ermöglichten Gnädinger den Bau eines originellen, 1962 eingeweihten Ateliers. Der so von Freunden und Bekannten unterstützte Maler und Bauer hat wohl damals und später seine Bilder vergleichsweise gut absetzen können; «Gnädingers» - Holzschnitte, Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen - waren und sind begehrt. Mittlerweile hängen seine Werke in unzähligen Wohnungen landauf, landab.

Der Fundus ist aber nach wie vor beachtlich. Nach Angaben des Stiftungsrates befinden sich heute noch rund 500 Ölbilder im Besitz der Erben. Inventarisiert sind zusätzlich weitere 2500 Arbeiten auf Papier. Die Stiftung will eine Sammlung von etwa 200 Werken behalten, die übrigen Bilder werden sukzessive ausgestellt und verkauft - zugunsten Not leidender Menschen und ärmerer Länder in Afrika, wie sich das Josef Gnädinger immer gewünscht hat. Selbstverständlich kann die Stiftung Josef Gnädinger ab jetzt auch anderweitig - etwa mit Spenden - unterstützt werden.