mit Besuchern in Bombouaka

über das Leben und die Arbeit von JG in Togo und die Tätigkeit der Stiftung

Das Erbe Joseph Gnädingers

Bericht von Abbé Augustin Namounou, Dapaong - Togo, Sommer 2007

Monsieur Joseph Gnädinger, „Batul“ genannt, kam 1965 als Laienmissionar aus der Schweiz nach Togo. Hier widmete er sich ganz der Entwicklungsarbeit im Landkreis Bombouaka mit den benachbarten Orten Bogou, Nano, Goundoga, Bolougou, Nadoga und Sisiek… Er wohnte im Dorf Bombouaka, das ihm sehr ans Herz gewachsen ist. Er verliess es erst 1982, mit Tränen in den Augen; sein Abschied löste im Dorf Trauer und Verzweiflung aus.

In Bombouaka übte er mehrere Tätigkeiten aus: 
Den Absolvet/innen des Katecheten-Ausbildungszentrums der Diözese brachte er vielerlei Handwerk bei: das Schmieden, die Tischlerei und Schreinerei, die Gärtnerei, die Malerei und Bildhauerei usw. 
Er führte als einer der ersten in der Savannenprovinz die Reiskultur ein und lehrte die Bevölkerung, bei der Feldarbeit Tiergespanne und später auch Traktoren einzusetzen. Damit leistete er einen grossen Beitrag zur Verbesserung der Selbstversorgung. 
Monsieur Joseph hatte ein Herz für die Armen und Benachteiligten, ich erinnere mich daran, dass er oft den Blinden, Leprakranken oder Behinderten half, so nahm er sich etwa eines Blinden an, welcher vom eigenen Cousin aus dem Haus gejagt wurde, als dieser mit seiner weissen Frau und ihren zwei Kindern aus Europa zurückgekehrt war! Monsieur Joseph war der Krankenpfleger des Dorfes und verkörperte zugleich die lokale Krankenkasse, denn er bezahlte oft die Arzneirechnungen der Leute. Mittellosen half er mit Kleider-, Lebensmittel- oder Geldgeschenken, der Schulkantine besorgte er Maniokmehl und Zucker und bezahlte Schulgelder für Kinder aus armen Familien.

 Monsieur Joseph war sehr sensibel für menschliche Not, und eines der Hauptprobleme für die Bevölkerung von Bombouaka ist jenes der Wasserversorgung. Er setzte sich mit Hilfe seiner Freunde und der Familie in der Schweiz dafür ein,  dass im Dorf eine Anzahl Brunnen und Staubecken ausgehoben sowie eine Wasserbohrung mit windkraftbetriebener Pumpe eingerichtet wurden. Das Wasserproblem wurde durch diese Bemühungen entschärft, doch bleibt es auch heute noch akut.

 Mit besonderer Zuneigung begegnete Monsieur Joseph der Dorfjugend, er war  sich stets um ihre Zukunft besorgt und engagierte sich für ihre Ausbildung und Erziehung. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des ersten Fussballklubs in Boumbouaka mit dem Namen „48/37“ und half bei der Bildung einer Volleyball- und einer Tennismannschaft. Immer wieder überraschte er die Jugendlichen, mit einer Einladung zum Essen, mit Filmvorführungen oder Überraschungsparties. Vor allem aber half er vielen beim Bezahlen ihrer Schulgelder.
Im  Heiligen Jahr 2000 kehrte Monsieur Jo, Freund der Armen und unser aller Bruder, ins Haus des himmlischen Vaters zurück. Doch auch wenn für ihn die Pforten des Paradieses aufgingen und ihn eintreten liessen, vergass er darob seine Freunde nicht, sondern inspirierte seine Verwandten, allen voran seine Nichten und Neffen, eine Stiftung zu gründen, welche heute seinen Namen trägt. Diese Stiftung führt sein Werk weiter, und sie vollbringt Wunder in der kargen Region der Savannen, wo die seit 15 Jahren dauernde politische, wirtschaftliche und soziale Krise die Armut leider bedrohlich verschärft hat.

 Durch diese Stiftung hat Monsieur Jo’s Präsenz in unserer Region eine Fortsetzung gefunden. Die Kraft seiner Ideen, welche auf den Idealen der Barmherzigkeit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit gründen, bleibt erhalten und wirkt weiter.
1.    Barmherzigkeit für alle Mitmenschen, die in Not sind und der Hilfe bedürfen, in welcher Form auch  immer - materiell, emotionell oder spirituell;
2.    Brüderlichkeit mit allen Menschen dieser Erde - er sagte oft: “Es sind die Menschen, die Grenzen erfunden haben, nicht Gott; er schuf die Erde ohne Grenzen, also sind wir alle Geschwister.“ Sicherlich hat es ihm diese Überzeugung ermöglicht, sein Heim in der Schweiz zu verlassen und nach Togo – „die Schweiz Afrikas“ – zu gehen.
3.    Gerechtigkeit war für ihn in erster Linie in den Menschenrechten verkörpert. Wenn er sagte, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien und dass die Güter der Erde allen gehörten, dann leitete er dies eher aus dem Evangelium als aus dem Politischen Programm der sozialistischen Partei ab.

Wie hat sich die Stiftung bei uns engagiert?

Sie hat sehr Vieles getan, ich will hier nur eine kurze Zusammenfassung geben. 
Am stärksten in der Erinnerung der Menschen von Bombouaka hat sich die „Pilgerfahrt in den Fussstapfen von Joseph“ eingeprägt, welche eine Vertretung des Stiftungsrats im Jahr 2004 unternommen hat. Ein Sprichwort der Moba (die Hauptethnie in der Gegend von Bombouaka) sagt: “Es sind die Füsse, die die Freundschaft tragen“. Wenn man jemanden nicht mag, geht man nicht zu ihm.

1.    Wasser ist Leben!

Die Stiftung hat die Sanierung des Stausees von Bombouaka finanziert. Dieser Stausee rettet Leben – sowohl von Menschen wie von Tieren. Monsieur Joseph nannte sein Haus in der Nähe des Stausees “Hotel Barrage”; dort gab es Bier, gute Musik und vieles mehr, alles gratis. Das Haus hätte auch „Zum guten Samariter“ heissen können. 
-    Mit Hilfe der Stiftung wurden Wasser – Leitungsmauern im Dorf und Umgebung gebaut, um die Häuser zu schützen und das Wasser zum Stausee zu leiten. 
-    Drei Brunnen wurden in den Dörfern Nadjoundi, Kombonlouaga und Gando ausgehoben.
-    Die Stiftung finanzierte die Sanierung der Wasserbohrung im Zentrum für körperlich Behinderte von Bombouaka.
Mit all diesen Projekten führte die Stiftung die Arbeit von Monsieur Jo zur Verbesserung der Wasserversorgung fort, durch welche eine wichtige Krankheitsquelle beseitigt wird.

2.    Die Gesundheit

 Während einer Ernährungskrise in der Region (und in den benachbarten Ländern des Sahel - Gürtels) wurde mit Mitteln der Stiftung ein Hilfsfonds unter dem Namen „Totl“ gespiesen, das heisst - „Hilfe“. 
Dieser Fonds, der inzwischen leider versiegt ist, erlaubte es uns, während der Krise vielen Hungernden , Kindern und Kranken zu helfen. Hunger ist bei uns eine Form von Krankheit.

3.    Lebensfreude

 Monsieur Jo war jemand, der die Feste liebte. Man könnte sagen, dass jeder Tag für ihn ein Fest gewesen war! Im Dorf organisierte er oft Feste und Überraschungsparties. 
Die Stiftung schickt jedes Jahr eine Summe Geld, um Freunden von Monsieur Jo und bedürftigen Familien kleine Weihnachtsgaben zu überreichen, damit sie ein schönes Fest verbringen und sich an Monsieur Jo erinnern können. Diese symbolischen Geschenke bringen viel Freude ins Dorf - eine Geste, die für sich spricht.

4.    Sport

 Ganz im Geiste von Monsieur Jo brachte die Besuchsgruppe der Stiftung Fussbälle mit und schenkte sie der Jugend im Dorf. Es war Ironie des Schicksals, dass sich an der Fussball - WM ausgerechnet die Schweiz und Togo gegenübertreten sollten!

5.    Kultur und Bildung

 Monsieur Joseph war ein echter Pädagoge. Er liebte die Lektüre und den Film und versuchte, der Dorfjugend etwas Kultur zu vermitteln. Er besass neben seiner Super8 - Kamera einen Projektor, mit dem er abends im Dorf Filmforführungen gab. Er las regelmässig unsere Monatszeitschrift „Laafia“, deren Leitspruch „Informieren - Bilden - Entfalten“ und Inhalt er sehr schätzte.
Die Stiftung hat der Redaktion der „Laafia“ die Anschaffung einer neuen technischen Ausrüstung ermöglicht. Das Dach der Jugendbibliothek konnte mit ihrer Hilfe repariert werden. Sie führt Monsieur Jo‘s Arbeit auch in diesem Bereich fort.

6.    Erziehung, Berufs- und Schulbildung

 Monsieur Joseph hatte vielen Kindern den Schulbesuch ermöglicht und sie unterstützt. Einige dieser Kinder waren beruflich erfolgreich und haben heute an verschiedenen Orten Kaderstellen inne. Ich selber konnte seine Hilfe erfahren und meine heutige Stellung (als Generalvikar des Bistums Dapaong, Anm. d. Übers.) ist ein Ergebnis dieser Unterstützung.  

 Die Stiftung Joseph Gnädinger führt auch diese Arbeit von Monsieur Jo weiter und leistet wertvolle Hilfe an die hiesige Jugend. Sie zahlt Beiträge für die Schülerhilfe, die wir den Schülerzahlen entsprechend an die Pfarreien verteilen. Die verantwortlichen Priester und Laien von der OCDI (Organisation pour la Charité et le Développement Intégral) suchen die hilfsbedürftigsten Schüler/innen aus und helfen ihnen entweder beim Bezahlen des Schulgeldes, der Mahlzeiten, des Unterrichtsmaterials oder der Schuluniform. Im Gegenzug leisten die Schüler eine kleine Arbeit in ihrem Dorf. Auf diese Weise können sie sich den Zustupf selber verdienen, was ihr Selbstwertgefühl fördert und dem Müssiggang und der Passivität entgegenwirkt. Im Rahmen dieses Projekts können etwa folgende gemeinnützige Arbeiten ausgeführt werden:
   - Bäume pflanzen, um Erosion und Wüstenbildung aufzuhalten - Öffentliche Wege im Dorf pflegen    
   - Ausästen von Bäumen zur Pflege und Holzgewinnung
   - Arbeiten auf einem Feld auf Gemeindeland, dessen Erlös der Gemeinschaft zugute kommt
   - Säubern der öffentlichen Plätze in den Pfarreien und Dörfern
   - alten oder geschwächten Personen bei der Feldarbeit helfen
Die Arbeiten werden dem Alter und der Konstitution der Kinder entsprechend vergeben, sie dürfen nie die Kräfte der Kinder bzw. Jugendlichen übersteigen. Bei diesem Projekt wird die Charta der Kinderrechte streng befolgt. 
Die von der Stiftung mitgetragene Schüler/innenhilfe hat viele positive Effekte.

 Sie ermöglicht einer grossen Zahl von Schulkindern regelmässigen Schulbesuch, was die wichtigste Voraussetzung ist, um richtig Lesen und Schreiben zu lernen, mündige Bürger/innen zu werden und schliesslich das Land in eine demokratische Zukunft zu führen.

 Sie wirkt der Gefahr von Kinderhandel entgegen. Diese ist in unserer Region akut, weil vielen Eltern die Mittel fehlen, um ihre Kinder zur Schule zu schicken. Um zu überleben, vermieten oder verkaufen sie die Kinder an vermögende Leute, meist für sehr bescheidenes Entgelt. Es handelt sich um eine Form der Sklaverei, bei den Mädchen gibt es auch Zwangsheirat oder den Gang in die Prostitution.

 Sie fördert die soziale Integration und den Gemeinschaftssinn bei den Kindern und Jugendlichen, die durch ihre soziale Lage der Gefahr der Marginalisierung und Isolation ausgesetzt sind. Zudem verrichten die Schüler/innen für die Dorfgemeinschaften sehr nützliche Arbeiten.

 Die Unterstützung der Stiftung für den Schüler/innen - Hilfsfonds sind ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen Analphabetismus und Armutsverwahrlosung! Wir hoffen auf weitere Unterstützung für dieses wichtige Projekt. 
Ebenso sinnvoll wie die Hilfe für Schulkinder ist die Unterstützung von Lehrlingen und Lehrtöchtern, deren Familien sich in schwieriger Lage befinden und ihre Ausbildung nicht mehr bezahlen können; dies hilft auch den Handwerksbetrieben und dem Kleingewerbe.
Monsieur Jo hatte die Absolvent/innen des Katecheten- Ausbildungszentrums (CFC, Centre de Formation des Cathechistes) selber in verschiedenen handwerklichen Fächern unterrichtet. Auf dieser Grundlage hat das Dorfkomité „Joseph Gnädinger“ ein Projekt zur Erneuerung dieses Zentrums entworfen. Es ist ein sehr ambitioniertes Projekt, das die Einrichtung einer Schule für handwerkliche Berufe zum Ziel hat. Das Komité hat den Projektentwurf vor einiger Zeit an die Stiftung gesandt. Mir scheint dieser Vorschlag etwas gross angelegt zu sein im Vergleich zur bisherigen Tätigkeit der Stiftung, ich möchte mich aber einer Beurteilung enthalten.

 Ich schliesse mit einem Dank aus tiefsten Herzen für alles, was ihr für uns tut! Meine ganze Bewunderung und Anerkennung gilt der Hingabe, mit welcher jede und jeder von euch sich für die Erinnerung an Joseph und sein Werk einsetzt, worüber er sich dort oben bestimmt auch freuen und es uns auf seine Art vergelten wird.

Augustin Namounou, einer der Freunde von JG und Zeuge seines Lebens und Wirkens in Bombouaka
Übers. BV, Juli 2007