Schaffhauser Zeitung, 23.12.1965

Ramsener «Adventsfest» im Zeichen der Entwicklungshilfe

Mitte September stand in unserm Pfarr­blatt eine kleine Notiz, worin unsere Ju­gendvereine die Absicht kundtaden, auf den 2. Adventssonntag eine Kaffeestube mit Verkaufsstand zu organisieren. Der Er­lös sollte ihrem Freund Seppel Gnädinger zugutekommen, der im vergangenen Früh­jahr als Laienhelfer für Landwirtschaft in die Mission der Franziskaner nach Bambouaka in Togo, Afrika, gezogen ist.

Wer hätte damals gedacht, dass dieser bescheidene Aufruf so grossen Widerhall finden würde!

Unter der Regie der beiden Arbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen, Frl. Helene Schweri und Heidy Oberholzer, fing ein em­siges Tun an mit Nähen, Basteln und Sam­meln von allerlei nützlichen Dingen und Gaben. Die jungen Leute des Dorfes, Mäd­chen und Jungmänner beider Konfessio­nen, fanden sich an vielen Abenden zusam­men, um mit jugendlicher Begeisterung und grossem Eifer etwas Rechtes zustande zu bringen. Auf Adventsbeginn wurden klei­nere und grössere Adventskränze gewunden und an Familien verkauft. Das ergab be­reits ein ansehnliches Scherflein für oben­genannten Zweck.

Und dann kam der in Aussicht genom­mene Sonntag, der 5. Dezember. Man merkte es schon den Kindern an, dass etwas Beson­deres los war. Und wirklich, es war wie an einem Dorffest. Viel Volk, gross und klein, war auf dem Weg zum äusseren Schulhaus. Die Eintretenden wurden mit Musik be­grüsst aus einer alten Drehorgel, wie man sie früher auf allen Jahrmärkten zu hören bekam. Das gab Stimmung und die Almosen flossen reichlicher als wenn ein ganz ar­mer «Teufel» die Orgel gedreht hätte. Doch das war nur der Anfang, weckte aber mächtig den Gwunder, was es alles geben würde. Alle Schulräume harrten der Be­sucher. Das untere, grosse Schulzimmer war zur Wirtschaft und Kaffeestube gewor­den. Man trank einen ausgezeichneten Kaf­fee, serviert von flinken Händen aus der gegenüberliegenden Schulküche, wo zudem mancherlei Kuchen, Bauernbrot und süsses Gebäck zum Genuss einluden. Man muss es den Leiterinnen lassen, sie verstanden ihre Kunst. Alle Achtung vor ihrem Metier! Kein Wunder, dass ihre Schülerinnen mit Freude und Interesse in die Kochschule gehen. Den ganzen Nachmittag hindurch waren denn auch der Gäste so viele, dass sie oft Mühe hatten, einen freien Platz zu finden. Man ass und trank, plauderte und scherzte, und war voller Gemütlichkeit.

Wer aber mehr Hunger verspürte, liess sich eine Wurst geben, grilliert von einem wahrhaften Koch im Berufsdress. Dabei übersah man gern, dass er für seine Arbeit nur in einer kleinen, engen Ecke des an und für sich nicht sehr einladenden Haus­ganges stand. Freude und Zufriedenheit lag auf allen Gesichtern. An der Westseite des Schulzimmers war der Verkaufsstand. Gar vielerlei Dinge waren zu haben: Kin­derkleidchen in Stoff und Wolle, Weih­nachtssterne aus Bast und feinem Goldpa­pier, verschiedene Serviertableaux made in Ramsen, Zeichnungen, Plastiken, gefüllte Mehl-Klaussäckchen, Willisauer-Ringli Und anderes mehr. Wahrhaftig ein richtiger Ba­zar! Es ist erstaunlich, was man mit verein­ten Kräften in kurzer Zeit und für eine gute Sache zustande bringt.

Einigkeit macht stark, aber leider will man dieses Sprich­wort nicht mehr überall wahrhaben. Im oberen Schulzimmer wurde alle zwei Stun­den ein Film gezeigt von einer Reise nach Afrika, aufgenommen und kommentiert von Hansueli Bamert, einem Schaffhauser Freund von Josef Gnädinger, der ihn im vergangenen Sommer besuchte und drei Wochen bei ihm war. Nach schönen Reise­bildern aus dem schwarzen Erdteil, vom Sudan, Dahome und Togo erschien auf ein­mal unser Afrika-Bauer auf dem Bildschirm. Man sah ihn wie er mit seinen schwarzen Helfern die Felder bestellte. Das Land ist sehr fruchtbar, sobald der Regen sich ein­stellt, der allerdings jährlich in einer sechs monatigen Trockenheit ausbleibt. Das tropi­sche Klima zeigt im Sommer bis zu 40 Grad Celsius im Schatten. Gepflanzt werden vor allem Hirse, Mais und spanische Nüsse. Die Arbeitsweise der Schwarzen ist noch sehr primitiv. Mit breiten Hacken an kurzem Schaft brechen sie die Erde um, ein müh­sames, buckliges Unterfangen. Unser Seppel machte ihnen nun das Pflügen mit einem richtigen aber einfachen Pflug von zwei Eseln gezogen vor. So leistet er gute Ent­wicklungshilfe und damit er hierin noch mehr tun und helfen kann, soll ihm der Er­lös aus der Bazar-Veranstaltung unter die Arme greifen. In den Zwischenstunden der Filmschau im Atelier des Kunstmalers und jetzigen Laienhelfers war ein Marionetten-Theater «Die Teufelsbrücke» zu sehen, aus­gezeichnet gespielt von der Familie Gnä­dinger aus Zürich. Was bringen doch gute Eltern fertig, wenn sie es verstehen, die Freizeit mit den Kindern zu teilen, mit ih­nen zu spielen in Unterhaltung, Musik und häuslicher Kunst. Wir gratulieren und dan­ken von Herzen.

Danken wollen wir auch vor allem den jungen Leuten, vorab den beiden Lehrerin­nen, die durch Opfer an Zeit und Mühe oder durch irgendetwas zum Gelingen die­ses «Adventsfestes» beigetragen haben. Nur schade, dass man die zwei andern «Afri­kanerinnen», die als Hebamme und Kinder­schwester schon mehrere Jahre Entwick­lungshilfe leisten, nicht einbezogen hatte. Wäre es dann nicht noch vielmehr eine ökumenische Adventsfeier gewesen? Es hätte dem Frieden in der Gemeinde noch mehr genützt und das ganze Dorf wäre dabei ge­wesen. Wir wollen damit nicht klagen, noch weniger schimpfen, sondern uns freuen, dass wenigstens wieder ein Anfang mit einer gemeinsamen Tat gemacht wurde. Möge das Beispiel Lehrer für die Zukunft sein. Wie man bereits anderswo lesen konnte, beträgt der «Adventsbazar» 3457.— Franken, ein erstaunlich schönes Ergebnis, das der fran­ziskanischen Missionsstation Bombouaka z. H. von Josef Gnädinger überwiesen werden wird. Allen Helfern, Spendern und Besu­chern herzlichen Dank!