Steiner Nachrichten

Ein Brief von Seppel Gnädinger aus Bombouaka

«Den Kopf in der Sonne und die Füsse im Wasser»

Lieber Martin, Für die Zeitung schicke ich gern einen Gruss, da ich ohnehin den Schaffhausern zu Dank verpflichtet bin. Ich bin aber weder Journalist noch Dichter, sondern fühle mich immer noch als Bauer und komme soeben aus meinem Garten, den ich mit einigen Freunden im Tale angelegt habe. Bald gibt es Rettiche und später Bohnen, die gut gedeihen. Aber wie gesagt, ich erzähle oder schreibe immer wieder dasselbe. Ich bin ja auch nicht ausgezogen, um Abenteuer zu erleben, sondern um zu arbeiten.

Camara hat gesagt: Wir müssen nicht für die Leute arbeiten, sondern mit den Leuten. Auf dem Weg in den Garten muss ich jeweils die Hauptstrasse überqueren, dabei begegnen mir immer Leute, alte Bekannte. Die schwarzen Gesichter leuchten auf beim Wechseln einiger Worte. Dann bin ich wieder zufrieden.

Da stieg ich in Kloten ins Balair-Touristenflugzeug nach Lome. Eingequetscht die Frau vor mir reklamiert, sie will eine zweite Portion Fleisch, der Mann hinter mir singt mich auf Züridütsch an, als ich meinen Sessel rückwärts lasse. Immerhin halfen mir meine Freunde, Afrikaner, den 40 kg Koffer über den Zoll zu bringen. Bücher, Farben und einige Flaschen Pflümli und was es alles noch braucht, waren schnell untersucht, die Worte «Lafia» als Begrüssung genügten. Besuche bei Bekannten folgten. Diesmal wurde ich von Einheimischen eingeladen zum Essen. Schon lange habe ich mich zu Hause wieder nach der scharfen Sauce mit rotem Pfeffer und anderen Spezialgewürzen gesehnt. Da brauchts keine Silberbestecke. Vor und nach dem Essen hält man den Wassereimer zum Hände waschen hin. Alle aus dem selben Topf. Mais oder Samobrei und die Sauce im andern Topf. Auf der 600 Kilometer langen Fahrt vom Meer in die Savanne kamen mir allerdings wieder andere Gedanken. Die Trockenzeit beginnt. Die über mannshohe Gräserallee, die die Teerstrasse begleitet, ist schon gelb. Dahinter noch Hirsefelder oder Mais. Da und dort. Keine drei bis vier Tonnen-Anhänger mit Kartoffeln oder Zuckerrüben wie in Ramsen. Ich versuche mich mehr auf die gelb und rosa Töne der Landschaft zu konzentrieren. Schliesslich bin ich ja auch noch Maler. Es gelingt mir, die weite blaue, grüne gelbe Welt zu meditieren.
Auf der Mission angelangt, steht auch bald eine Flasche Bier zum Empfang bereit.

Anderntags schon stehen wir, mein Traktorchauffeur und ich, bis zu den Knien im Wasser. Die Reisfelder interessieren mich. Der Reis steht schön: den Kopf in der Sonne und die Füsse im Wasser. Immerhin das. Nun bin ich bereits voll im Amt. Fünf Zeichnungsklassen mit über je 60 Schülern. Religionsunterricht, und was es sonst noch alles zu tun gibt. Nachts suche ich den Sternenhimmel ab. Den Orion-Nebel habe ich mit meinem Feldstecher schnell gefunden; die Andromeda-Galaxie war eine Entdeckung, die mich freute. 2,7 Millionen Lichtjahre Entfernung. Und wir machen uns so viel Kummer und Sorge um die kleinen Erdenbewohner. Aber eben, das gibts auch. Kurt Marti schreibt in seinem Buch «Zärtlichkeit und Schmerz»: «Hat, wer allezeit satt war, Kraft genug, um sich vorstellen zu können, was Hunger ist? Vermag, wer immer sein Auskommen hatte, sich ausmalen, was Armut bedeutet? In unseren Verhältnissen sind Mittellose entweder Versager oder Pechvögel. Irgendeine Fürsorgeinstanz wird sich ihrer annehmen. In dieser Erfahrungsperspektive betrachten wir die Armut, den Hunger in den ausgepowerten Teilen der Welt als einen, wenn auch überdimensionierten Fürsorgefall. Gutwillige, die sich für diese Fürsorgearbeit engagiert haben, sind oft verwirrt, sobald sie feststellen müssen, dass die verelendeten, hungernden Millionen weder Versager noch Pechvögel innerhalb unserer ökonomischen Entwicklung sind, sondern deren Opfer. Früher oder später gelangt Entwicklungshilfe an den Punkt, wo sie entweder resignieren oder mit ihren eigenen ökonomischen Voraussetzungen sich selbst in Frage stellen muss.»

Weil es aber bald Weihnacht ist und die Schaffhauser und andere liebe Freunde mich so grosszügig unter-stützen, habe ich gar nicht im Sinn zu resignieren, sondern wünsche Dir und allen frohe Festtage.
Dein Seppel

Notabene: recht hat aber Kurt Marti trotzdem.