Ein Ramsener in Togo

Brückenbauer Nr. 42, 16. Oktober 1981

Entwicklungshelfer auf eigene Faust

Ein Ramsener in Togo

 Vor 16 Jahren hatte sich der Bauer Josef Gnaedinger aus dem schaffhausischen Ramsen entschlossen, nach Togo zu gehen und sein landwirtschaftliches Können an die dort Einheimischen weiterzugeben. Sein Heimatkanton ehrte ihn dieses Jahr mit dem Preis für praktische Entwicklungszusammenarbeit. 'Georges Wilthrich besuchte den Unkonventionellen.

 Die haben noch Sorgen!» sagt Josef Gnaedinger bei einem Glas Roten im schaffhausischen Ramsen. Es tönt nicht verärgert, höchstens etwas resigniert. Der Ausspruch bezieht sich auf eine Meldung, die der Nachrichtensprecher gerade verliest. Die Rede ist von der Autobahnvignette. Josef Gnaedinger (62), genannt «Seppel» , Bauer, Maler und Entwicklungshelfer, stellt einmal mehr fest, wie tief der Graben zwischen Nord und Süd geworden ist. Bei ihm im afrikanischen Togo könne man das Benzin nicht mehr bezahlen, und in der Schweiz streite man sich um Autobahnvignetten...

Er ist ein interessanter Mensch, der «Seppel» aus Ramsen: Vor 16 Jahren, als er 46 war, hatte er sich noch entschlossen, Entwicklungshelfer zu werden. Er verkaufte damals Vieh und Geräte und folgte dem Ruf eines Freundes, eines ehemaligen Franziskaner-Paters von der Insel Werd vor Stein am Rhein, nach Togo in Westafrika. Sein Atelier im Obstgarten vor dem Elternhaus und seine Malutensilien ver-kaufte er allerdings nicht. Pinsel und Farben verstaute er in den zwei grossen Seemannskisten, die er sich hatte anfertigen lassen. «Viel zu gross waren sie», erinnert er sich. Sie seien nur halb voll geworden. Plötzlich schlägt er mit der Faust auf den Tisch: «Man muss einfach etwas machen, das geht doch nicht so weiter!» Arm wie Kirchenmäuse seien sie, die Leute in Togo: «Ein Kilo Zucker und ein Liter Benzin kosten praktisch gleich viel wie bei uns.» Er habe es längst aufgegeben, seinen Leuten im Savannendorf Bombouaka die Motorisierung zu empfehlen: «Den Treibstoff für Traktoren können sie ohnehin nicht mehr bezahlen; deshalb lehre ich sie, wieder Ochsen vor den Pflug zu spannen.»

Josef Gnaedinger unterrichtet und arbeitet auf einer Missionsstation. Er bezeichnet sich als «eine Art von Landwirtschaftsberater» für Einheimische und angehende Katecheten. Eigentlich passe es ihm gar nicht, dass man «ein solches Wesen» um ihn mache (Josef Gnaedinger hat heuer den jährlich vom Kanton Schaffhausen vergebenen Preis, 10 000 Franken, für praktische Entwicklungszusammenarbeit erhalten). «Über all jene Krankenschwestern, die sich ein Leben lang für Leprakranke aufgeopfert haben, schreibt ja auch niemand», schimpft er. Er sei jedoch bereit, mit Journalisten zu reden, damit die Entwicklungsprobleme «unter die Leute kommen». Denn es müsse unbedingt publik werden, dass das, was er und viele andere machen, nicht viel mehr als den berühmten Tropfen auf den heissen Stein bedeute. Die hochindustrialisierten Länder sollen der Dritten Welt endlich angemessene Rohstoffpreise bezahlen. Aber eben, das heisse auf gut deutsch Verzicht für die Reichen. Wenn er jedoch an das denke, was er jeweils am Morgen vor dem Aufstehen über Kurzwellen aus der Heimat höre, dann sehe er schwarz: «Immer mehr Atomkraftwerke, noch mehr Autobahnen, immer mehr Konsum — wo soll das nur aufhören?»

Trotzdem: Am 16. Oktober fliegt «Seppel» wieder nach Togo zurück. «Zum letzten Mal allerdings», sagt er. Nachher wolle er sich zur Ruhe setzen — und sein Hüftgelenk operieren lassen: «Das muss bald einmal gemacht werden, leider.» Josef Gnaedinger malte in Afrika weiter und kam alle zwei Jahre für einige Monate in sein Ramsener Atelier zurück, um die geschaffenen Werke aufzuspannen. Den Erlös dieser Bilder und Holzschnitte reinvestierte er sofort wieder in «seine» Entwicklungshilfe: Er kaufte allerlei landwirtschaftliches Werkzeug, an dem es in Afrika «weiss Gott» mangle. Er will nochmals zupacken, damit die Bauern «dort unten» während des kurzen, drei-monatigen Anbaus (am Anfang der Regenzeit) möglichst viel aus dem Boden herausholen können: nicht nur Hirse, sondern immer mehr auch Gemüse und Reis. Ursprünglich habe er noch gehofft, dass grosse Stauseen gebaut würden, damit die Felder in der langen Trockenzeit bewässert werden könnten: «Es ist himmeltraurig, da fallen in der Regenzeit die gleichen Niederschlagsmengen wie bei uns in der Schweiz während des ganzen Jahres, doch die Mittel fehlen, um den Segen aufzufangen.»

Wenn Josef Gnaedinger im kommenden Jahr für immer nach Ramsen heimkehrt, dann will er sich nur noch seiner Malerei widmen und hin und wieder «etwas ausstellen». Die Zeit in Afrika habe ihm auch künstlerisch gut getan: «In den langen Nächten hatte ich in meiner Lehmhütte viel Gelegenheit, an mir zu arbeiten.» «Dem dort» müsse er doch zeigen, «wie recht er hatte, mich als einfachen Bauernbub für die Malerei zu begeistern», sagt «Seppel» in seinem Atelier und weist dabei auf eine Totenmaske. Es ist die Totenmaske von Lehrer Schweri, von seinem Lehrer, der schon früh entdeckt hatte, dass «Seppel» Talent hat.