Joseph Gnädinger 1919 - 2000

Werkwürdigung von Frank Nievergelt

oben: "Offenbarung";  mitte: "Madonna";
unten: Abendhimmel über der Rosenegg

Neben Impulsen durch Künstler der Region und des deutschen Expressionismus verarbeitet Gnädinger verschiedene Richtungen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Als moderner Künstler nimmt er sich die Freiheit, ohne Stildiktat Farbigkeit und Malduktus der Thematik anzupassen. Schon die frühen Werke der 40er Jahre lassen eine unkonventionelle Sicht auf die Familie, Ramsen und die Stadt Singen erkennen. Künstlerisch bewältigt er auch die Ereignisse im Grenzdorf während des Zweiten Weltkrieges. Wichtiges Ausdrucksmittel ist der Holzschnitt, den er für die religiösen Themen bevorzugt.Mit dem Aufenthalt in der fremden Welt Afrikas beginnt eine zweite Schaffensphase, die den Durchbruch zu kräftiger Farbigkeit und heftigem, freiem Mal‐ und Zeichenduktus bringt. Zurück in Ramsen, ist sein Blick auf das Altvertraute neu, intensiv, frisch und direkt. Primär malt Gnädinger stets seine Umwelt, die Landschaft mit Menschen, Pflanzen und Tieren. Aber er betrachtet auch sich selbst ‐ an den Selbstbildnissen lässt sich seine stilistische Entwicklung ebenso verfolgen wie die Wandlung seines Selbstverständnisses als Künstler. Natur ist bei ihm Bewegung; in ihr verwurzelt sieht er sich als Teil eines grösseren, umfassenderen Ganzen.Die Wiedererkennbarkeit des Dargestellten tritt zugunsten von Emotion und Expression zurück. Selbst in seiner tiefen Naturverbundenheit fühlt sich Gnädinger frei, was er wahrnimmt dichtend‐bildend als Vision festzuhalten. Reduktion bedeutet ihm Konzentration auf Gehalt und Wesen des Dargestellten, wie etwa in der prallen orangeroten Form eines Kürbisses (1990) die ganze Farbenpracht und fruchtbare Sinnlichkeit des Herbstes ausgedrückt ist. Bäume, der Wald ziehen sich leitmotivisch durch Gnädingers Werk, gesehen aus unterschiedlichster Perspektive, als Lebensmetaphern, in denen sich Geborgenheit und Sehnsucht begegnen. Das Charakteristische des Baumes ‐ verschlungene Äste und gefurchte Rinde, afrikanischer Baobab oder Ramser Schüppeleiche ‐ tritt in den spontanen Zeichnungen als seismografisch festgehaltene Gefühlsstruktur zutage.

(Frank Nievergelt, 2001)