Schaffhauser Nachrichten  Freitag, 17. Juli 1960

Josef Gnädinger

 Zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen

Wenn man in Ramsen vom «Hirschen» gegen den nördlichen Dorfausgang hin das erste Strässchen rechts, das ins Feld hinaus und bald einmal an die Grenze führt, unter die Füsse nimmt, so stösst man, schon ausserhalb des Dorfes, auf das Haus «Zum Kranz». Da wohnt Josef Gnädinger, der Seppel, wie ihn die Dorfgenossen nennen.

Es kann sein, dass er eben vom Heuen kommt, denn er ist, wenn auch kein reichbegüterter, so doch ein währschafter Bauer. Und dann kann es geschehen, dass du in seine Stube geladen wirst, eine Bauernstube, wie man sie überall zu finden meint: der grüne Kachelofen und das Sofa, der Tisch mit der Eckbank und den Stühlen — an der getäfelten Wand aber, säuberlich gerahmt, zwei Drucke, Dürers ,,Vier Apostel». ein «Beobachter»-Bild, Hans Meinfing «Madonna mit Kind», ein Aquarell neueren Stils und an und neben der Tür, die ins Nebenzimmer führt, zweimal ein mächtiger Holzschnitt, das Plakat für Gnädingers Ausstellung im Museum.

Ja, dieser Bauer aus altem Ramsener Geschlecht ist Künstler, Maler. Schon in seinen Knabenjahren hat es ihn gepackt, wenn er den Lehrer Schweri mit seinem Malzeug auf den Feldern herumstreifen sah; auch er musste sich in der Kunst versuchen, im Zeichnen, Holzschneiden und dann im Malen. Er wäre froh, er brächte so etwas zustande, meinte der Lehrer zu den vorgezeigten Proben —und Gnädinger zeichnete und malte weiter. Eine Akademie hat er nicht besucht, er blieb Autodidakt. Es gebe zwar kein schieferes Wort als dieses, ist seine Meinung, denn man arbeitet ja nie allein für sich, sondern bei anderen Gesehenes fliesst, oft unbewusst, in die eigenen Bilder ein, verwandelt sich in ihnen und wirkt weiter fort. 'Wir kennen diesen Prozess in allen_ Künsten. bei jeder schöpfetischen Arbeit überhaupt. So hat sich Gnädinger von Mutich und Monet, dann von der abstrakten Malerei beeindrucken lassen; der Aktivdichst brachte ihn aus dem engeren Umkreis seines Dorfes hinaus zu neuen Eindrücken von Landschaft und Mensch, und Reisen nach Deutschland, Italien, Frankreich und Holland weiteten den Gesichtskreis. Zäh trieb er seine Arbeit voran, und heute tritt der Einundvierzigjährige, nicht zum erstenmal, aber doch in einer ersten Gesamtschau, nach Ausstellungen in Zürich auch vor die Schaffhauser Oeffentlichkeit.

Gnädingers Kunst ist von zwei Voraussetzungen her zu begreifen: im Technischen gründet sie auf dem Holzschnitt, im Gehaltlichen letztlich auf einem tief religiösen Bewusstsein. Die beiden Holzschnittfolgen «Kreuzweg» und «Apokalypse» sind dafür beispielgebend. In 14 Blättern führt die erstere durch die Passion Christi bis hin zur Auferstehung, wobei aber jedes Geschehen nicht Handlung, sondern symbolhaft gefüllter Zustand ist. So zeigt das «Los» nur gerade auf einem roten Gewandzipfel ein nacktes Bein, daneben zwei Würfel, die «Kreuzigung» ist angedeutet durch die Werkzeugkiste mit Hammer und Nägeln, der «Tod» erscheint als Kreuzbalken mit der Inschrift INRI und der blutigen Sonne im schwarzen Himmelsrechteck, die «Abnahme» gibt nicht mehr als den Kreuzes-stamm mit der angestellten Leiter. In kargen, kräftigen Linien wurden die Umrisse ins Holz geschnitten und schwarz auf das weisse Papier gedruckt, flächig dazwischen das Rot im Rock Christi als Zeichen der Liebe, des Königs und des Blutes, das Blau im Himmel und das Lebens- und Hoffnungsgrün über dem Grabhügel. Der Betrachter nimmt Kristallisationskerne des Geschehens wahr, von denen er zum Nachdenken geführt wird — Stationen des Leidensweges, wie sie katholische Andachtsstätten kennen, sind aufgestellt, vor denen er die Passion mitfühlend nacherleben soll. Die «Apokalypse» schöpft aus demselben Willen zur Symbolisierung, eng angelehnt an die im Bibeltext verzeichneten Visionen. Besonders eindrucksvoll erscheinen dabei «Das Lamm», «Die apokalyptischen Reiter», «Das Tier mit den sieben Köpfen», «Der Engel». «Die Bibel ist voller Bilder, man muss sie nur ins Holz oder auf die Leinwand übertragen.» Die Technik bleibt im Grunde dieselbe auch in Gnädingers Gemälden, vordergründig aber ändert sich der Gehalt: die religiösen Themen werden ersetzt durch die Schilderungen des bäuerlichen Lebens, des Waldes, der Wiesen und Felder, der.Tiere, Blumen und Früchte, der dörflichen Feste und des ländlichen Brauchtums.

Ein kahler Baum in einer Ebene und dahinter ein tiefblauer Hügelzug — das ist der «Herbst». Von einem kraftvollen grünlich-schwarzen und zitronengelben Liniengeflecht umspannt, liegen die hellgrünen Bodenflächen nach dem Mittelgrund hin, gleichsam spiegelbildlich variiert von dem Netzwerk der Baumkrone Mit den kieinteiliger zerschnittenen grünbraunen und blauen Normen eines zweiten .Baumes, des Hügels weide: Himmels. Die Technik des Holzschnitts tritt klar heraus, nicht nur in der Wichtigkeit der Linie, sondern auch in der pastos und meist unvermischt aufgetragenen, aber gesamthaft doch flächig wirkenden Farbe. Wieder wird die gehaltliche Aussage mehr angedeutet als ausgesprochen: dieser Herbst ist nicht ein letztes Verglühen der Natur, er enthält vielmehr ihr Absterben; das warme Orange im Kleid des Bauern auf dem Fuhrwerk versinkt im kalten Grün, im harten Schwarz, im fahlen Lila und im kühlen Blau von Bäumen und Landschaft.

Noch holzschnittartig das «Bildnis» an derselben Wand. Kostbar das reine Blau, Grün und Braun im Porträt des Mannes, das Rot, Orange, Gelb, Weiss und Schwarz des Hintergrundes. Und doch vielleicht das Nur-Dekorative zu stark in den Vordergrund tretend — das Spiel mit verwandten Formen und komplementären Farbwirkungen scheint zu bewusst zu werden. Aehnlich auch in der«Roten Rose» fast ein Zusammenfügen von farbigen Teilchen zu einem Bild, das weniger unmittelbare Natur als dekoratives Arrangement vermittelt. Die Dominanz der Farbe in Gnädingers Malerei wirkt sich hier für einmal insofern negativ aus, als sie zu sehr Mittel für das Gegeneinanderhalten und Abwandeln von Naturformen wird.

Wieder ganz Element des eigentlichen Gestaltens ist sie im «Rind», wo der Tierkörper in schichtweisem Farbauftrag gleichsam «gebaut» wird. Massig schiebt sich dieser rotbraun und weiss gefleckte Leib von links in das Bild hinein, eine geballte Kraft, die von den schwarzen, weissen, roten Senkrechten durch Kopf und Rücken gebändigt ist. In den einfachen Formen des Rindes klingt eine Erinnerung an primitive Bildniskunst an, in der Skala der Farben jedoch zeigt sich der Sinn des Malers für reichste Differenzierung.

Die «Hühner» dann noch grossformiger und auch flächiger mit ihren weissen Körpern, um die sich die breiten, violetten Umrisslinien herumlegen, wie wenn sie zuerst vom Holzstock auf den Malgrund gepresst worden wären. Reizvoll hier die Technik des Aussparens: diese Hühner haben- nicht mehr den «gebauten» Leib, sondern sind leergelassene Leinwand, und nur an zwei, drei Stellen wird eine Rundung kräftig durch pastosen Farbauftrag betont. In den Kämmen leuchtet ein intensives Rot, dem der saftgrüne Untergrund mit den violetten Bahnen des nackten Erdbodens komplementär entspricht. Trotz der Grossflächigkeit aber nicht ein ruhiges Bild, sondern in den kurvigen Pinselzügen wird gleichsam das Gescharre und die Geschäftigkeit des Hühnervolkes sichtbar.

Ebenso flächig in den Formen und einfach in den Farben zeigt sich das «Stilleben mit Brot»: die Zarge braun hingestrichen, eine dunkle und eine helle Tischkante, die rote Tischplatte und daraus emporsteigend die zur Hälfte abgeschnittenen grünblauen Flaschen und der gelbe Topf. In der Mitte, an den Rand gerückt, die beiden gelbbraunen Brotlaibe und die helle Bahn des Speckstücks. Eine erdige Schwere eignet den Farben, eingefügt in die ruhigen Horizontalen des Tisches und der stehenden Flaschenkörper liegen Brot und Fleisch. Ein alltägliches Bild, in seiner Schlichtheit aber beinahe gleichnishaft gefüllt. Ein unsichtbarer Faden spinnt sich hinüber zum «Kreuzweg», der äussere Rundgang schliesst sich auch zum inneren Ring. Der Gehalt hat sich nur scheinbar vom Religiösen entfernt, denn im Untergrund der Naturmotive verbirgt sich das Verbundensein des Malerbauern Gnädinger mit jener Macht, von der er sich und die Welt gehalten weiss. Eine Bildniskunst wie die Gnädingers, nach aussen Farbe, kraftvolle Form und' Temperament, nach innen aber Bescheidung auf den zugeordneten Lebenskreis, erscheint «in sich gerundet» und darf Anspruch auf Beachtung und Hochschätzung erheben.
H. L.