Zürcher Woche, 22. Januar 1960

Zürcher Ausstellungen

Josef Gnädinger in der Rotapfel-Galerie

Vom 16. Januar bis zum 10. Februar 1960 sind in der Rotapfel-Galerie, an der Frankengasse 6, Werke von Josef Gnaedinger aus Ramsen bei Schaffhausen zu sehen.

Mit Josef Gnaedinger tritt uns ein Mensch entgegen, der uns unsere Bewunderung abzwingt, denn er ist ein Naturtalent, wie dies Adolf Dietrich war. Das Malen ist ihm eine Freizeitbeschäftigung, die er neben seinem ehrenhaften, äusserst harten Beruf — er ist Landwirt — betreibt.

Er ist Autodidakt. Wo er seine Umwelt sieht und im Kunstwerke formuliert, gelingen ihm meisterhafte Würfe. So ist das Porträt seines Vaters von einer eindrücklichen Ausdruckskraft, ein blühender Baum — ein Jauchewagen steht davor — hingegen von erdgebundener Poesie. Der Marktplatz mit dem Karussell oder eine Gruppe von Hühnern verkünden laut die Freude, die diese malerische Erscheinungen in ihrer sprudelnd-lärmiger Art dem Künstler bereiten. Sehr schön sind auch vier Gemälde, die Jahreszeiten darstellend. Wo Gnaedinger das was ihn umgibt schaut und ins Kunstwerk umgiesst, ist er auf sicherm Boden; seine grüblerisch-intellektualisierenden, den Anschluss an die aus Paris kommenden modischen, mehr oder weniger schlecht abstrahierenden Schöpfungen geistigen Inhalts eines Legers oder Matisse suchenden religiösen Werke wirken befremdend, und es gelingt ihm nicht zu überzeugen. Sie sind zu wenig anschaulich und für den ikonographisch ungebildeten Beschauer sind sie unentzifferbar. Zudem fehlt ihnen, als frostige Produkte des Verstandes, jene intensive Lebensnähe, die der glühend-wuchtigen Glaubenstiefe Bachscher Kirchenmusik eigen ist, die als Kriterium für wirkliche geistliche Kunst gelten kann, und die selbst den Ungläubigen erschüttern kann, wenn nicht gar zu bekehren versteht.

Wenn es Gnaedinger gelänge, seine religiösen Erlebnisse so zu definieren, wie ihm dies mit den seinem Alltag entnommenen Szenen gelingt, dann wird er zweifelsohne ein grosser Meister geistlicher Kunst werden. Wir wünschen ihm Glück dazu!
mhs