Schaffhauser Nachrichten Nr. 196,  26. August 1975

zu einer Ausstellung in der Aula Ramsen
Botschafter zwischen zwei Welten:
Josef Gnädinger, der Maler


In früheren Jahrhunderten hätten die Menschen Kathedralen aus Stein gebaut. Jetzt müsse man — im Geist der Oeku­mene — Kathedralen aus Menschen bauen, sagte Kantonsrat Fritz Gnädinger zur Eröffnung der Ausstellung seines Bruders, des Malers Josef Gnädinger, der, zu einem Erholungsurlaub in die Heimat zurückgekehrt, neue Proben sei­nes künstlerischen Schaffens aus Afrika vorzeigen kann. Die Ausstellung in der Aula Ramsen dauert nur bis und mit 3. September.

Obwohl schon seit zehn Jahren auf der französischen Missionsstation Bombouaka (Togo) als Landwirt und Entwicklungshelfer tätig, besitzt Josef (Seppel) Gnädinger in der Heimat immer noch eine grosse Gemeinde von treuen Freunden seiner Malerei. Die Vernissage am vergangenen Samstagabend in der Ramser Aula war denn auch, was die Zahl der Besucher und der Verkäufe be­trifft, ein spektakulärer Erfolg. Kantonsrat Fritz Gnädinger konnte unter ande­ren alt Nationalrat C. E. Scherrer, den Arzt Dr. Paul Bigliardi, den früheren Singener Oberbürgermeister Theopont Diez sowie den Religionsphilosophen Al­fons Rosenberg willkommen heissen. Aus Zürich war ausserdem ein ganzer Jour­nalistentross, darunter Peter Höltschi, nach Ramsen gekommen, der anlässlich eines Afrikatrips in Togo mit dem Schaff­hauser Maler Bekanntschaft geschlossen hatte.

Die Ausstellung — es ist die fünfte, seit Josef Gnädinger in Afrika weilt — um­fasst ein rundes halbes Hundert ausge­wählter Stücke: Porträts, Landschaften, Stilleben in Oel und Aquarell, dazu Blei­stift- und Kreidezeichnungen, Holz­schnitte. Nicht alles, was der Maler neu zeigt, erscheint als völlig geglückt und bis ins Detail mit der wünschbaren Sorg­falt ausgearbeitet. Es ist wie fast im­mer bei Gnädinger: Manches Bild ver­rät noch zu sehr die Hast der Entste­hung und ist im Unfertigen des ersten Entwurfs steckengeblieben. Daneben gibt es aber ein paar (grossformatige) Landschaften von unbeschreiblicher, ge­radezu atemberaubender Dichte. Da klin­gen Motiv, Farben, Form und Format zusammen zu vollkommener Einstimmig­keit. Stark sind auch einige Porträts und die meisten Holzschnitte. Schon bisher hat man den Maler ja als Meister des Holzschneidens gekannt.

Man glaubt diesmal noch deutlicher zu spüren, dass Gnädingers besondere Zu­wendung dem afrikanischen Menschen gilt. Hatte man früher oft den Eindruck, der Maler empfinde die Wesensart und die Erscheinung des schwarzen Afrika­ners als beunruhigend unvertrautes, frem­des, ja abgründiges Geheimnis, treten die porträtierten Köpfe jetzt sichtbar in den Konturen ihrer eigenen Individua­lität hervor. Vielleicht sind die Schwar­zen umgekehrt auch selbstbewusster ge­worden. Jedenfalls wirken sie jetzt eher wie die Partner des Malers, eigene Per­sönlichkeiten, nicht mehr bloss Sinnbil­der der stummen Kreatur, über die sich voll Herablassung das christliche Mitleid der Weissen ergiessen darf.

Mit Recht nannte Kantonsrat Gnädinger seinen Bruder einen engagierten Maler. Er betreibt die Malerei nicht als Kunst um der Kunst des Künstlers willen. L'art pour l'homme ist vielmehr das Stich­wort, mit dem diese Malerei gegebenen­falls zu etikettieren wäre. Die Bilder for­dern Stellungnahme. Man muss sich, in­dem man sich vor sie stellt und sie be­trachtet, ihnen auch persönlich stellen. Der Hinweis, dass Josef Gnädinger, Jahr­gang 19, im Zeichen des Widders geboren sei, erfolgte gewiss nicht ganz zu­fällig. «Es ist ein Kinderspiel, den Wid­der nach der äusseren Erscheinung zu er­kennen. Widder-Menschen haben prä­gnante Züge, meistens scharf, selten weich oder verwischt. Die gut gezeichneten Augenbrauen laufen häufig auf dem  engen Nasenrücken zusammen und damit das Zeichen des Widders ist vielleicht eine Warnung für jeden, der ihn aufhalten oder überwältigen will. Und die symbolischen Hörner sind nicht nur zum Spass da. Seine Bewegungen sind schnell und zweckmässig, der Verstand arbeitet ähnlich. Sowohl männliche wie weibliche Widder haben im allgemei­nen breite Schultern und gehen leicht nach 'vorn gebeugt, sozusagen mit dem Kopf voran, und sie sind fast immer in grosser Eile.» (Linda Goodman, «Astro­logie — sonnenklar», aus dem Amerika­nischen übersetzt von Rosemarie Soenderop, Scherz Libris).

Seit zehn Jahren wirkt Josef Gnädinger nun schon auf der Missionsstation in Togo. Seine Freunde aus dem Dorf, die ihn im März 1965 auf der Ausreise bisnach Marseille begleiteten, erinnern sich noch heute ihrer bangen Gefühle, als sie im Marseiller Hafen von Seppel Ab­schied nahmen. Aus der Kälte Europas geriet er damals mitten in die Hitze des afrikanischen Sommers, aus der fest-gefügten Ordnung seiner Heimat im Wohlstand in die Unsicherheit eines neuen Lebens im fremden,. unermessli­chen Kontinent. Den Bauern rund um Bombouaka sollte (und wollte) er das Pflügen und die hierzulande üblichen Ackerbaumethoden insgesamt beibringen. Es müssen harte Jahre gewesen sein, zu­mindest am Anfang. Dass er selber aus einfachen Verhältnissen stamme, meinte sein Bruder Fritz wohl nicht zu Unrecht, habe ihm den Zugang zur kargen, be­scheidenen Welt der togolesischen Bauern erleichtert.

Vor einigen Monaten, im März 1975, schenkte ihm einer seiner Schüler auf der Missionsstation ein Glas Hirsebier. Auf dieses Zeichen der Anerkennung ist «Monsieur Joseph» mächtig stolz, nimmt er es doch als Beweis dafür, von den Schwarzen nicht nur als Lehrer, sondern auch als Mensch akzeptiert zu sein. Der alten Ramser Heimat nicht entfremdet, aber mit seiner neuen Wahlheimat tief im Süden jetzt vertraut und dort als Part­ner akzeptiert, ist Josef Gnädinger zum Pendler und Mittler geworden. Er ist es nun gewohnt, und man hat sich daran gewöhnt, dass er, ob er nach Ramsen in die Schweiz oder nach Bombouaka in Togo fahre, immer heimkommt. Die Bot­schaft, die das Land der Schwarzen dem Vermittler diesmal mitgegeben hat, ist bis zum 3. September, also nur noch während kurzer Zeit, in der Aula zu se­hen. Welche Botschaft werden wir (weis­sen) Schweizer und Schaffhauser dem Pendler für Schwarz-Afrika mitgeben? H. B.