«Ich trage meine Bilder lange im Herzen herum»

Morgen, am Ostersonntag, feiert der Maler Seppel Gnädinger seinen 80. Geburtstag.

Noch immer voller Elan, hat er vor einer Woche eine Ausstellung mit neuen Bildern gestaltet.

• Von Edith Fritschi (Text) und Selwyn Hoffmann (Aufnahmen)


«Jetzt müend er no en Moment Geduld haa», ruft uns Seppel aus der Haustüre zu. Sein Besucher aus Paris ist gerade auf dem Sprung, und Seppel will sich in Ruhe von ihm verabschieden. Der Freund aus Frankreich ist eigens zur Vernissage angereist, die am vergangenen Sonntag in der «Sommerlust» über die Bühne ging. Mit der Ausstellung, in der er fast nur neuere Bilder zeigt, hat sich Seppel selbst ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk gemacht. «Waansinnig Freud han i», erzählt er, und man spürt seine Begeisterung förmlich. Halb Ramsen sowie viele Freunde und Bekannte aus nah und fern kamen zur Ausstellungseröffnung, die sich mit anschliessendem gemeinsamem Essen bis kurz vor Mitternacht hinzog. Und Seppel, der eigentlich Josef heisst, aber von niemandem so genannt wird, war in seinem Element. «Endlich han i mal wider die ganze Fraue verküsse chönne», sagt er strahlend. Denn dass er das weibliche Geschlecht sehr gern hat, auch wenn er Junggeselle geblieben ist, wissen alle, die ihn kennen. Immer wieder hat er Frauen gemalt, und beim Gang durch seine eigene Galerie «zum Kranz» verrät er, dass für die Frauenbildnisse, die da aufgehängt sind, der eine oder andere Schwarm Modell gestanden hat. Weshalb er letzlich allein geblieben ist, will er nicht en detail verraten. «Wahrscheinlich war es Schicksal», meint er lapidar.

Auf dem laufenden bleiben
Achtzig Jahre und kein bisschen müde: Wenn man sich mit Seppel unterhält, spürt man seine sprühende Energie geradezu. Zum Ausruhen kommt er nur selten, aber das hat er auch nicht vor. Noch immer steht er im Atelier, unternimmt Spaziergänge, reist hin und wieder ins Ausland. «Ganz so leicht wie früher geht es nicht mehr», sagt er. «Aber ich bin zufrieden.» Noch nicht lange ist es her, da fuhr er nach Berlin, um seinen Neffen Mathias an der Schaubühne in der Rolle des «Onkel Wanja» zu sehen. Und danach ging er von Museum zu Museum, von Galerie zu Galerie, um sich mit Bildern «voll-zutanken». Denn er will stets auf dem laufenden bleiben, wissen, was in der Kunstszene geht, auch wenn er mit den ganz modernen Bildern so seine liebe Mühe hat. «Manchmal denke ich, dass auch die Abstrakten stehengeblieben sind.»

Kein Freund der Kopfkunst
Für jene Maler, die die Traditionen negieren, hat der Ramsemer gar kein Verständnis. «Alle Epochen sind wichtig, und als Maler sind wir Teil einer Entwicklung, die man einfach sehen muss», sagt er heftig gestikulierend und redet sich beinah in Rage. «Mit der blossen Kopfkunst kann ich überhaupt nichts anfangen.» Was ihn indes nicht davon abhält, mit der Moderne eine Art stillen Dialog zu führen und gleichzeitig seinen eigenen Weg zu suchen. Doch, Vorbilder gibt es für ihn, der nie eine Kunstschule besucht hat und sich alles selbst beigebracht hat, durchaus. Rembrandt nennt er als seinen Lieblingsmaler, er schätzt aber auch van Gogh, die Impressionisten und Otto Dix, den er noch persönlich gekannt hat. Seine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst lässt sich anhand seiner Bilder nachvollziehen. «Ich habe immer wieder die Techniken gewechselt, um nicht auf der Stelle zu treten», erzählt er. Mal malte er mit Bleistift, dann mit Kreide, Kohle oder Ölfarben. «Alles hat seinen Reiz, aber es ist wichtig, dass man nicht in einen Trott verfällt, weil man das Gefühl hat, die Technik vollkommen zu beherrschen.»

Das Bild im Herzen
Jedes Bild hat für den Maler seine eigene Geschichte. «Ich trage es lange mit mir im Herzen herum, bevor es auf die Leinwand kommt.» Dabei zehrt er von seinen Erinnerungen in Afrika wo er 19 Jahre verbracht hat — prägende Jahre, wie er betont, denn der Aufenthalt im fernen Kontinent, wo Armut und Dürre herrschen, habe ihn zum Menschen gemacht, der er jetzt sei. «Vielleicht bin ich erst in Afrika ein richtiger Schweizer geworden, denn dort habe ich Französisch gelernt», meint er mit dem verschmitzten Lächeln, das ihn so liebenswürdig macht. Natürlich ist Seppel Gnädinger nicht nur ein liebenswürdiger, sanfter Mensch, sondern kann sich so recht zum unbequemen Dickschädel entwickeln, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Und das kommt immer wieder vor: Die Ungerechtigkeit in der Welt und die Ignoranz mancher Zeitgenossen machen ihn wütend. Denn sein Lebensverständnis ist ein durch und durch humanitäres, geprägt vom Elternhaus, in dem während des Zweiten Weltkrieges jüdische Flüchtlinge Aufnahme fanden, zu denen er bis heute Kontakte pflegt. Aus diesem Umfeld heraus entwickelte er auch das Bedürfnis, eine Zeitlang in der Mission zu verbringen und den Menschen in Afrika zu helfen, das Land urbar zu machen. Von diesem Aufenthalt, den er als über 40jähriger angetreten hat, profitierte er selbst unendlich viel, und er lernte dort Freunde fürs Leben kennen, die ihm eifrig schreiben und ihn besuchen.

Ein doppeltes Fest
Stolz zieht er einen Stapel Briefe hervor, die von diesen Kontakten künden. «Und ich bekomme fast jeden Tag Post», freut er sich und liest uns einige Passagen aus dem Brief eines Freundes vor, der ihm gratuliert und es als gutes Omen bezeichnet, dass Seppels Geburtstag just auf den Ostersonntag fällt. Es sei übrigens das erste Mal, dass das der Fall sei, erklärt der agile 80jährige, der nun ein strenges Jahr vor sich hat. Nach der Ausstellung in der «Sommerlust» will er im So mer nochmals eine eröffnen, bei sich Hause «im Kranz» und mit einem grossen Gartenfest am 17. Juli. «Eigentlich wollte ich das schon im April machen, aber jetzt hab ich's verschoben, weil zwei Ausstellungen parallel zuviel sind», begründet er seinen Entschluss. Zudem soll im Sommer das ganze Dorf mitfeiern können, und auch aus Afrika werden zwei Freunde anreisen, denen er jetzt das Billett für die Reise schickt.

«Ich sehe immer mehr»
Die Dürre und die Sonne Afrikas oder die Vulkankegel des Hegaus sind Seppel Inspirationsquellen für seine Bilder, aber auch eine Blumenwiese, ein Baum, Häuser oder der Himmel. «Wichtig ist, dass das Bild nachher in sich stimmt», sagt er. Denn allmählich verwischen sich die Eindrücke, gehen ineinander über. «Die Welt ist kleiner geworden, und ich muss nicht mehr weit reisen», findet er, verrät aber sogleich, dass er bald wieder einmal nach Paris möchte, in seine Lieblingsstadt, in der er sich zu Hause fühlt, weil er dort auch etliche Freunde hat. Aber die Reise in die Weltstadt ist für ihn nicht unbedingt nötig, um sich Anregungen zu holen. Er findet sie genausogut vor der Haustüre, gerade jetzt, wo der Frühling allmählich einzieht und die Blumen zu spriessen beginnen. «Es wird immer schöner», meint er, «und ich sehe von Jahr zu Jahr mehr.» Wen wunderes bei so viel Lebensfreude, die der Maler ausstrahlt, der sein Dorf genausosehr liebt wie die weite Welt, die bei ihm unmittelbar vor der Haustüre beginnt. Der wunderbare Ausblick in die Hegaulandschaft hat in zahlreichen Bildern Eingang gefunden, manchmal verfremdet durch die Erinnerungen an Afrika, das in seinen Farben nachklingt wie Musik.

Einzigartige Persönlichkeit
Seppel Gnädinger, das wird beim Besuch in seinem gemütlichen Haus voller Bilder immer wieder klar, ist keiner, der sich in eine Schablone pressen lässt. Er ist eine einzigartige Persönlichkeit, die der frühere Museumsdirektor Max Freivogel treffend beschrieben hat: «Sepp ist ein Ausbund an Fähigkeiten und Fertigkeiten, um in vielen der Kammern, die im Hause des Herrn sind, kulturschaffend zu werken und zu wirken, ohne ein Hansdampf in allen Kunstgassen zu werden.» «Und er ist», fährt er fort, «Dorfgenosse in Ramsen, Viehhalter, Ackersmann, Holzhacker, Holzschneider, Vereinsmeier, Stammtischler und Bilderrahmenbastler, Kirchgänger und Kirchenchörler, Entwicklungshelfer und schliesslich Freund von vielen -und ausgestattet mit den dafür nötigen Tugenden - für viele. Aber ein Eigenes, Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile.»

Ein grosses Ja zum Leben
Seine neueren Bilder, darunter etliche Grossformate, die nun in der Sommerlust hängen, sind farbig, poetisch, klangvoll und expressiv: beinah ein Abbild der Person Seppel Gnädinger, der ganz und gar nicht den Eindruck eines älteren Herrn vermittelt. Soviel Lebensfreude, wie er ausstrahlt, kann man weitherum suchen in einer Welt, in der Depressionen und Pessimismus auf dem Vormarsch sind. «Ich bin ein positiver Mensch, und meine Freiheit ist es, ja zum Leben zu sagen», betont er und fügt gleich an, dass es das Schicksal besonders gut mit ihm gemeint habe. Nach einer schwereren Krankheit vor fünfJahren hat er sich wieder bestens erholt, und er ist dankbar dafür. Seinen Haushalt schmeisst der Achtzigjährige grösstenteils allein, abgesehen von einer Hilfe, die ihm hin und wieder putzt und die Wäsche macht. Zum Frühschoppen ist er in der Wirtschaft anzutreffen, zumindest nach dem sonntäglichen Kirchgang, der zu seinem festen Rhythmus gehört.

«Gwundrig» auf die Zukunft
Vor fünf Jahren, als wir mit dem damals 75jährigen Maler über seine Ausstellung im Museum zu Allerheiligen sprachen, äusserte er den Wunsch, das Jahr 2000 noch erleben zu dürfen, weil er einfach «gwundrig» sei, wie die Welt dann aussehen werde. Jetzt ist die Jahrtausendwende zum Greifen nah, und Seppel Gnädingers Wunsch hat sich schon fast erfüllt, Derzeit vertieft er sich immer mehr in Bücher wie Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften» oder Marcel Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit». Sie interessieren ihn besonders, weil sie in einer Epoche entstanden, wo der Aufbruch in ein neues Jahrhundert die Menschheit bewegte. Dennoch möchte der 80jährige das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, sondern schaut gespannt, was die Zukunft wohl bringen möge. «Mein Leben ist reich und erfüllt», sagt er. 20jährig möchte er beileibe nicht mehr sein. «Meinsch eigentlich, i wett nomal vo vorne aafange?» Sagt's und lacht so herzerfrischend jung, wie er geblieben ist, auch wenn sein Haar inzwischen weiss und die Weisheit so gross geworden ist, wie sie nur einer haben kann, der das Beste aus seinem Leben gemacht hat und voller Freude und Energie ins Jahr 2000 schreitet.