Das Haus zum Kranz
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Es ist nicht einfach, die Buttelestrasse 221 auf Anhieb zu finden. Ortsunkundige suchen das alte Bauernhaus lange in diesem Hegaudorf, dessen Kern aus lauter schiefwandigen, mehr als dreihundert Jahre alten Häusern besteht. Ramsen, das schaffhauserische Grenzdorf im Osten des Kantons, zählt etwas mehr als tausend Einwohner und neun Restaurants.

Viele Ramser sind Bauern, Handwerker, Kleingewerbler.

Möchte man also an die Buttelestrasse 221 gelangen, so ist es besser, nicht nach der Adresse zu fragen, sondern nach dem Namen Seppel. Er heisst Gnädinger und eigentlich Josef, aber niemand, der ihm schon einmal begegnet ist, ruft ihn so. Schon gar nicht die Ramser, die Fremden meist lachend den Weg zum äussersten Zipfel des Dorfes, zu Seppel, dem Kunstmaler, weisen. Er lebt dort, wo der Blick auf die weite, sanft hügelige Hegauebene frei ist, wo der deutsche Hohentwiel nicht weit entfernt in den Himmel ragt, wo die Städte Rielasingen, Gottmadingen und Singen durchaus zur Nachbarschaft zählen.

In den dicken Tuffsteinmauern des Hauses zum «Kranz», das sich wie versteckt hält hinter alten Holundersträuchern, liegt die Geschichte einer ganzen Familie verborgen. Kinder sind hier zur Welt gekommen, alte Menschen in der Stubenkammer gestorben, Flüchtlinge, die in den beiden Weltkriegen über die Äcker gezogen sind, haben im «Kranz», der einst sogar eine Weinschenke war, Unterschlupf gefunden. Wein und Most wurden an Wanderer ausgeschenkt, die von weither nach Ramsen kamen, das Dorf am Zwiebelturm der katholischen Kirche erkannten. Seit 144 Jahren steht das Haus zum «Kranz». Heute leben nur noch Seppel und seine ältere Schwester Margrit da, die 1970 mit ihrem Mann von Schaffhausen wieder ins Elternhaus zurückgekehrt war und inzwischen verwitwet ist.

Hier im unteren Bibertal scheint es oft, als sei die Zeit längst stehengeblieben. Kaum ein lautes Geräusch durchdringt die Ruhe ums Haus. Auf dem Bänklein zwischen Haustüre und Galerieeingang, wo einst die Scheune und der Kuhstall standen, streift man jedes Gefühl der Hektik, jeden lästig-drückenden Gedanken ab. In klaren Nächten erhellt nur das Sternenmeer die Erde in ihrem Kleid.

 aus dem Buch "Begegnungen mit dem Maler Josef Gnädinger" von Angelika Ramer, Meier Verlag SH, 1994