17. September bis 16. Oktober 2005

Ausstellung Markus Daum - Skulpturen Zeichnungen Radierungenkopf

Vernissage 17. September, 15 Uhr. 
Einführung durch Frank Nievergelt, Leiter Kunsthalle Wil

Finissage: 16. Oktober, 14 bis 17 Uhr

Öffnungszeiten: Samstag & Sonntag 14 bis 17 Uhr 
und nach Vereinbarung; Telefon 052/743 18 89

Museumsnacht: 24. September, 18 bis 24 Uhr

 

Die Stiftung Joseph Gnädinger nimmt mit der Ausstellung des Bildhauers Markus Daum, der bei Radolfzell lebt und bereits internationale Anerkennung findet, die Gelegenheit wahr, die Tradition des grenzüberschreitenden Kulturaustausches weiter zu pflegen.

Im Zentrum der künstlerischen Fragestellung von Markus Daum steht stets das Bild des Menschen. In seinem Schaffen versenkt er sich auf sich selbst und sein Gegenüber. Der Mensch als das für den Künstler unausschöpfbare Phänomen bedeutet hier keineswegs Nachahmung oder überprüfbare Bindung an die wirkliche Erscheinung. jede Figur ist nur eine ungefähre, eine durch die Dimensionierung der Volumen untereinander optisch begründbare Vorstellung. Das Dasein mit seinen hellen und dunklen Seiten erforscht Markus Daum mit den Medien der bildenden Kunst. Wir erkennen immer den Menschen, sehen, dass unsere Empfindungen in diesen Gestalten leben. Es gelingt dem Künstler, in den hier ausgestellten Werken den bekannten und vertrauten Fragen eine bisher ungesagte Antwort abzugewinnen. Die offene, nicht präzisierende Gestaltung dieser Figuren und Köpfe verweist auf die Aspekte von Fundstück und Erinnerung. Sinngemäss dominieren die Körperfragmente.

Die Werke von Markus Daum offenbaren eine experimentelle Phantasie. Für seine Figuren und Figurenfragmente entwickelt er eine eigene archaische Repräsentationsform des Körperlichen. Mit grosser, einfühlsamer Hingabe betreibt er die Formung der Körper aus der modellierbaren Materie. Es ist, als ob dem ungeformten Ton oder Gips die geheime Tendenz innewohnte, sich zu humanisieren. Es manifestiert sich dabei die Dynamik des Werdens, der Schöpfung. Die Spuren der Werkzeuge und formenden Finger verleihen der Oberfläche eine vielgestaltige offene Textur. Die aufgewühlte, zerklüftete Modellierung spiegelt zugleich die Energie, die den Menschen durchdringt. Markus Daum macht die Epidermis zum Ort tektonischer Verschiebungen, vulkanischer Eruptionen und von Erosion. Indem er ein Stück Naturgeschichte schafft, verweist er auf die menschliche Schicksalhaftigkeit. Ein wie aus erdiger Urmaterie aufsteigender Kopf verrät Lebendigkeit und Kraft und vermittelt zwischen Gestaltwerdung und sich auflösender Natur. Es sind Schollen der aufgebrochenen Erdkrume, die sich in ihrer Verdichtung der Wirklichkeit annähern. Der Mensch ist erst im Werden; er kündigt sich an, indem er sich der eindeutigen Form versagt. Mit seiner plastischen Version eines skizzenhaft offenen Kunstwerkes schafft Markus Daum die Einheit von Stoff und Form, von Material und Vision, von Unruhe und Verwandlung.

Die Zeichnung und Radierung ist im Schaffen von Markus Daum ein selbständiges Medium und kein Entwurf für eine Skulptur. So besteht kein direkter formaler Bezug zum plastischen Werk, aber zur Fläche mit ihren Bedingungen und Möglichkeiten. Mit den Darstellungen der Figur und des Kopfmotivs, findet er auch in den Zeichnungen und Radierungen zu verinnerlichten Aussagen über die menschliche Grundbefindlichkeit. Für das skizzenhaft Offene bietet der Bildraum noch weitergehende Möglichkeiten als die Plastik. Die fühlbare sinnliche Spannung der Eisengussobjekte wird in eine konzeptionelle übersetzt. Sie vermittelt den flüchtigen Augenblick gegenüber dem in Eisen gegossenen Anspruch von Beständigkeit. Im Gestus des Suchens, Vor‐ und Herantastens, Um‐und Einkreisens einer organischen Form gibt Markus Daum lediglich Andeutungen des menschlichen Körpers. Mit zeichnerischer Sprödigkeit, aber hochgradiger Sensibilität entwirft er einmal zart, einmal kraftvoll seine Chiffren der menschlichen Existenz.

Was Markus Daum an der Wirklichkeit sieht und gestaltet ist nicht eine willkürliche Abstraktion, sondern ein Freilegen von Aspekten des Lebens. Formfindung bedeutet für ihn das Entdecken wesentlicher Merkmale und Inhalte. Durch die "offene Form" seiner Gestaltungsweise werden wir selbst in die Arbeiten einbezogen. Die krude Erdigkeit der Oberfläche der Objekte evoziert die Vergänglichkeit. Markus Daum thematisiert die Dynamik des Werdens, die Schöpfung nicht in vordergründiger Symbolik, vielmehr macht er die materialimmanente Ausdruckskraft zum sprechenden Bestandteil seiner Werke. Das Vergehen und Verschwinden ist im Kern ebenfalls angedeutet. Er arbeitet in einer grossen Freiheit individueller, stilunabhängiger Gestaltung, den Horizont des Menschlichen ausmessend.

© Frank Nievergelt